Asche und Phönix

Ich weiss noch genau, wie das Gefühl war, als ich Kleidergrösse 36 trug und sich die Muskeln unter meiner Haut abzeichneten. Was war ich stolz auf meine Leistung und das verdiente Ergebnis, welches ich zufrieden im Spiegel betrachtete. Ich habe diese Art der Selbstwertschätzung nie in Frage gestellt. Denn für mich war klar, dass ich mir dieses Gefühl verdient habe mit unzähligen Trainingsstunden und perfekt ausgewogener Ernährung. Woran ich aber all die Zeit nicht gedacht habe, war die Möglichkeit, dass wir nicht immer alles in der Hand haben und so steuern können, wie es uns beliebt. Für mich war diese Rechnung mit dem Resultat der Wertschätzung mir selbst gegenüber simpel: Knie dich rein, streng dich an und sei dann stolz, wenn das Ergebnis zufriedenstellend ist, und falls es das nicht ist: Streng dich halt noch mehr an. Das Leben hat eine grosse Besonderheit an sich, und zwar, dass es uns immer wieder aufzeigt, dass wir uns auf das Leben eben doch nicht so vorbereiten können, wie wir es uns immer so gerne weismachen. Und besonders gut können diese Art der Lehre zahlreiche Krankheiten erteilen, die uns wie aus dem Nichts heraus und unvorbereitet treffen können.

Genau das passierte damals dann auch bei mir.

Meine Krankheit schlich sich auf Zehenspitzen an und bevor mir bewusst war, was gerade passierte, hatte sie schon meine Vorgehensweise, mir meine eigene Wertschätzung zu erhalten, zum Einsturz gebracht. Ich kam mir vor wie eine Buchhalterin, die ein Leben lang Zahlen korrekt addierte und immer das erwartete Ergebnis bekam, und jetzt war auf einmal alles anders.

Die Krankheit veränderte alles in meinem Leben und ich war gezwungen, die Kontrolle abzugeben. Einerseits war da dieses panische Gefühl in mir, das mir meine Selbstsicherheit stahl, und gleichzeitig bemerkte ich die Veränderungen an meinem Körper. Ich stand vor einer Rechnung mit einem nicht möglichen Resultat, denn ich konnte mir meine eigene Wertschätzung nicht mehr ermöglichen – weil all die Massnahmen, die mich zuvor immer zu diesem wunderschönen Resultat geführt hatten, nicht mehr umsetzbar waren.. Ich war nicht mehr das Ergebnis von harter Arbeit, sondern eher eine Art Geisel meiner Autoimmunkrankheit. Eine Baustelle nach der anderen wurde in meinem Körper eröffnet und die Scham breitete sich in mir aus wie ein Ölfleck auf Stein. Wie oft musste ich mir anhören, dass ich doch einfach wieder trainieren gehen soll und dann wieder alles so wird, wie es mal war. Aber was diese Ratschlaggebenden nicht wussten, war eine Information, die nur Menschen mit Krankheiten mitgegeben wird: Nicht du bestimmst über deinen Körper und sprengst Grenzen, sondern er bestimmt über dich, und währenddessen werden Grenzen zu unüberwindbaren Mauern aus Stahl.


Aber meine Krankheit lehrte mich noch etwas, und für diese Erkenntnis bin ich ihr sogar dankbar: Sie lehrte mich, dass ich genug bin mit dem, was ich bin, und mich nicht mehr messen soll an reinen Leistungen, die ich eben nicht mehr vollbringen kann. Jeder Mensch kann sich selbst zu Höchstleistungen trimmen und das Gefühl der Selbstliebe und der Wertschätzung geniessen. Aber die wirkliche Leistung ist die, dass man sich auch dann genauso wertschätzt, wenn man an seinem eigenen Wertesystem grandios gescheitert ist.

Was mich am meisten berührte, war die Erkenntnis, dass meine Krise mich auf neue Pfade führte und mir aufzeigte, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, sich selbst viel wert zu sein. Irgendwann getraute ich mich wieder, mich selbst zu betrachten – denn mein Körper war inmitten einer Verwandlung.

«ERRUNGENE LEISTUNGEN SIND VERGÄNGLICH, KLEINLICH UND KNAUSERIG, ABER SELBSTLIEBE IST DIE EXPLOSION, DIE ES BRAUCHT, UM DIESE MAUERN AUS STAHL NIEDERZUREISSEN.»

Meine Muskeln bildeten sich nach und nach zurück und dieser Platz wurde eingenommen von neuen Kurven und einer weicheren Haut. Meine Brüste wurden üppiger und mein Haar wuchs und wurde dichter und dichter. Nach vielen Monaten erkannte ich im Spiegelbild eine fast komplett neue Frau: Sie war rundlich und voller Schwung in ihrer Form. Das Haar floss den Rücken hinunter und das Lächeln war breiter und strahlte viel mehr als früher. Ich stand da und sah mich an und mir war bewusst, dass ich mich gernhabe, dass ich stolz bin – und zwar nicht mehr auf meine Leistungen, sondern einfach auf meine Zufriedenheit und das Urvertrauen, dass das alles so genau richtig ist. Denn zum ersten Mal betrachtete ich mich nicht mehr mit kritischem Blick von aussen, sondern ich fühlte mich.

Denn das eine ist eine ständige Wertung, während das andere bedeutet, dass man bei sich bleibt, und das gibt einem eine wirkliche innere Zufriedenheit – unabhängig davon, ob man gesund oder krank ist, alles perfekt erledigt hat oder halt einfach mal nichts auf die Reihe bekommen hat. Denn was zählt ist, dass wir weitermachen, auch wenn es schwer ist, so wie ein Phönix, der aus der Asche entsteht. Und manchmal sind wir nicht mehr als ein Häufchen Asche, und manchmal erstrahlen wir in vollem Glanz. Beides darf sein. Beides gehört zum Leben dazu. Und in beiden Situationen sind wir gut so, wie wir dann gerade sind.

Diese Art der Selbstliebe kommt nicht von heute auf morgen und ist kein einfacher Weg, aber er sollte geübt werden, indem man ihn probeweise immer wieder beschreitet, und zwar so oft es geht und bevor man ihn aufgezwungen bekommt. Denn während wir uns noch an den selbsterarbeiteten Leistungen messen, hat das Leben vielleicht schon einen neuen Plan ausgetüftelt, um uns aus den gewohnten Bahnen zu katapultieren. Spätestens dann müssen wir uns darüber klar werden, dass wir genug sind und noch viel mehr, denn wir nehmen das Leben an und machen weiterhin das Beste daraus! Was für eine nicht messbare, aber wichtige Errungenschaft.

Wir sind nämlich viel mehr als ein Leistungserbringer, der von unkontrollierbaren Faktoren abhängig ist. Wir sind mehr als unsere Krankheiten.
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